13. November 2017

Freiheit fernab der Heimat

Lit.Eifel-Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Nettersheim: Literarische Neuentdeckung Bachtyar Ali und der Rundfunkmoderator Martin Maria Schwarz präsentierten den hochgelobten Roman „Die Stadt der weißen Musiker“

Nettersheim – In seiner Heimat genießt er Kultstatus, hierzulande ist er eine literarische Neuentdeckung, und zwar eine, über die sich die Kritiker vor Lob überschlagen: Bachtyar Ali, 1966 in Sulaimaniyya im irakischen Kurdistan geborener Schriftsteller, präsentierte in Nettersheim nicht nur sein gerade erst erschienenes Buch „Die Stadt der weißen Musiker“, sondern vermittelte dem Publikum im Naturzentrum auch eindringlich, was es bedeutete, zur Zeit der Diktatur Saddam Husseins zu den verfolgten Kurden zu gehören.

Das tat er nicht alleine. Für seine Lesereise, die ihn auf Initiative des Literaturhauses Nettersheim und der Lit.Eifel auch in die Nordeifel verschlug, hatte ihm der Unionsverlag den Rundfunkmoderator, Sprecher und Autor Martin Maria Schwarz, Mitarbeiter in der Kulturredaktion des Hessischen Rundfunks, an die Seite gestellt. Die Zuhörer bei dieser von der Lit.Eifel in Kooperation mit dem Nettersheimer Literaturhaus veranstalteten Lesung mit Gespräch kamen dabei in doppelten Genuss: Denn der Roman ist ein literarisches Meisterwerk, das dank des gekonnten Vortrags von Martin Maria Schwarz, der an der deutschen Blindenhörbücherei in Marburg eine Ausbildung zum Sprecher absolviert hat, auch zum Hörerlebnis wurde.

Zwischen den von Schwarz vorgetragenen Passagen aus der Geschichte über den meisterhaften Flötenspieler Dschalalat, der in die Wirren des Krieges gerät, als einziger ein Massaker überlebt, in ein Wüsten-Bordell gerettet wird und die Kunst der Musik verlernen muss, um sein Überleben zu sichern, entstanden lebhafte Gespräche zwischen ihm und Ali, die davon zeugten, wie gut sich der studierte Germanist Schwarz auf die Lesereise vorbereitet hatte. Seinen gezielten Fragen und den Antworten des Schriftstellers war es zu verdanken, dass „Die Stadt der weißen Musiker“ sich den Zuhörern ganz anders erschloss, als es bei einer reinen Autorenlesung der Fall gewesen wäre.

Krieg und Zerstörung, die Vernichtungskampagne Husseins gegen Kurden und Schiiten, der allgegenwärtige Tod, aber auch die Schönheit der Künste kommen in dem bildgewaltigen Roman zu Wort. Als Schriftsteller sei ihm die Schönheit zwar wichtig, erklärte Ali, doch „schönschreiben“ wolle er, der selbst das Kriegsinferno er- und überlebt hat, die Geschichte nicht.

„Man konnte uns töten, ohne bestraft zu werden, und das ist immer noch so“, sagte der Schriftsteller und erinnerte an die Anfal-Offensive Ende der 1980er-Jahre, bei der mehr als 180.000 Menschen bei Giftgas-Angriffen und Massenerschießungen ums Leben kamen. Wie im Nachhinein bekannt wurde, wurde aus Deutschland mehr als die Hälfte der Ausrüstung für die Giftgasproduktion Saddam Husseins geliefert.

Der Roman sei in seiner Brutalität heftig, erklärte Schwarz, darauf müsse man sich einlassen. Gleichzeitig transzendiere er die Realität und werde auf einmal märchenhaft. „Schönheit und brutale Wahrheit mischen sich, der Dichter will die grausame Realität poetisieren“, schilderte Bachtyar Ali sein schriftstellerisches Dilemma.

Heimatlosigkeit sei ein großes Thema in seinem Buch, stellte Schwarz fest. Dennoch ein für den Autor weit weniger dramatisches, als man annehmen könnte. „Heimatlosigkeit hat viel mit Freiheit zu tun“, erklärte Ali und zog den Vergleich zur Freiheit, einen Roman zu schreiben. Tatsächlich sei sein schriftstellerisches Schaffen richtig in Gang gekommen, nachdem er seine Heimat verlassen habe.

Außer der „Stadt der weißen Musiker“ ist von Bachtyar Ali bislang nur „Der letzte Granatapfel“ in deutscher Sprache erschienen. „Wie konnte ein solches Buch, ein solcher Autor sich vor unserem Buchmarkt so lange verbergen? Wir werden noch viel von ihm hören und lesen“, schrieb Stefan Weidner in der „Süddeutschen Zeitung“.

Wie im September bekanntgegeben wurde, erhält Ali den mit 15.000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis, den Literaturpreis der Stadt Dortmund. In Anlehnung an den Geburtstag der deutsch-schwedischen Schriftstellerin Nelly Sachs (1891-1970) wird der Preis am 10. Dezember in Dortmund verliehen.

Organisator Jochen Starke dankte Bachtyar Ali und Martin Maria Schwarz für ihr Kommen. Sie haben der enttäuschend überschaubaren Zahl der anwesenden Literaturfreunde einen grandiosen Abend bereitet.

pp/Agentur ProfiPress

 

 

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Klaus Schäfer

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