4. Juli 2017

Eine Weltreise in der Wanderstation

Journalistin Katharina Finke las in der Wanderstation Roetgen

Die Journalistin und Autorin Katharina Finke las in Roetgen bei der Lit.Eifel aus ihrem Buch „Loslassen“ – Minimalismus als Lebensstil – Spannende Fragerunde am Ende

Roetgen – Das Leben heutzutage besteht nur aus Stress. Medial besteht ein gewaltiges Überangebot, jeder ist zu jeder Uhrzeit erreichbar und dann hat der Mensch, offenbar historisch und genetisch bedingt, die Eigenschaft, allerlei Kram zu sammeln und anzuhäufen. Man setzt sich selbst unter Druck, weil man alles und jedem gerecht werden und am liebsten auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen will. Um dem zu entgehen, hilft eigentlich nur eines: Loslassen!

So heißt auch das Buch der Journalistin Katharina Finke, aus dem sie jüngst im Rahmen der Lit.Eifel in der Wanderstation in Roetgen vortrug. Finke, Jahrgang 1985, hat nämlich losgelassen und jahrelang nur aus zwei Koffern gelebt. Sie hat sich von ihrem Hab und Gut getrennt und ist um die Welt gereist, war in Neuseeland und Australien, China, den USA, in Indien und auf Island.

Dabei hat sie auch einen neuen Lebensstil für sich entdeckt: den Minimalismus. Den zu erlangen, kostet einiges an Überwindung und setzt ein Umdenken voraus. „Dazu muss man sein Gehirn trainieren, das ist auch Stress“, berichtete die Autorin in der mit rund 30 Leuten vollbesetzten Wanderstation und gab gleich zu Beginn einen kleinen Exkurs zum Thema Gewohnheiten und wie man sie durchbrechen kann. „Loslassen ist ein Prozess. Doch wenn man mit weniger zufrieden ist, dann hat man auch weniger Angst und ist genügsamer“, ist sich die Journalistin sicher.

Zum ersten Mal losgelassen hat Katharina Finke, die von Roetgens Bürgermeister Jorma Klauss begrüßt wurde, nach dem Abitur an einem Frankfurter Gymnasium, als sie im englischen Bristol in einer Einrichtung für geistig und körperlich behinderte Kinder arbeitete.

Fernsehen und Fernweh

Das Fernweh blieb auch nach der Rückkehr, Rettung nahte in Form des Fernsehens. Denn als Journalistin reiste sie um die ganze Welt – von New York nach Ozeanien nach Vancouver nach Melbourne nach Los Angeles – und das alles in kürzester Zeit. Sie besuchte im australischen Outback den Ort Coober Pedy, die Opal-Hauptstadt, in dem die Menschen unterirdisch in Wohnhöhlen leben oder berichtete darüber, welchen Einfluss die Dreharbeiten der Spielfilmreihen „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ auf Neuseeland hatten.

In Portugal kam sie ein wenig zur Ruhe. „Kleidung, Laptop, Handy – mehr brauche ich nicht“, sagte Finke. Sie lebte dort aus dem Koffer und empfand es als Privileg, ihr Hab und Gut los zu sein: „Man hat viel mehr Freiheiten.“ Erst als ein Freund starb, sei sie an die Grenzen ihrer Losgelöstheit geraten. Denn wenn man keinen Rückzugsort hat, kann man nur schwer alleine trauern. Als sie später einen Mann kennenlernte, stellte sie sich schließlich die Frage: Soll sie nicht doch mal festhalten anstatt loszulassen?

Nach der Lesung bot die Autorin noch die Möglichkeit, ihr Fragen zu stellen – und das wurde auch ausgiebig genutzt und war mindestens so spannend und erkenntnisreich wie ihre Reiseerlebnisse. In der Runde zeigte sie sich offen und ehrlich und gab beinahe noch mehr von sich preis, als im Buch. So seien ihre Reisen eigentlich selten spontan, meist habe sie ein klares journalistisches Ziel vor Augen. Im Land selbst setze sie auf exzessive Recherche vor Ort. Außerdem frage sie immer bei Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendern an, ob Bedarf an Geschichten aus dem jeweiligen Land bestehe.

Es sei auch kein Widerspruch in ihrem Minimalismus-Gedanken, dass sie eben Notebook und Smartphone habe, wie es ein Zuschauer meinte: „Das eine brauche ich zum Arbeiten, mit dem anderen halte ich Kontakt zu meinen Freunden.“ Minimalismus bedeutet für Finke auch nicht die totale Askese. „Ich fliege noch viel zu viel und tue manchmal auch böse Dinge“, erzählte sie im Hinblick auf ihre Laptopmarke.

Neugierige Zuschauer

Natürlich wollten einige Gäste wissen: Wie erlange ich denn meine absolute Freiheit? Da hat Katharina Finke nur einen Tipp übrig: Einfach machen, gerade wenn Zweifel bestehen, und gucken, was passiert. Bei einem Besuch in Indien, als sie für ein Buch über Missbrauch an Frauen recherchierte, sei ihr aber erst aufgefallen, wie viel Freiheit man in Deutschland schon habe.

Die Lesung in Roetgen war übrigens eine Familienveranstaltung: Ihre Eltern und weitere Verwandte waren aus Frankfurt am Main in die Eifel gekommen. Der Vater machte in einem Einwurf deutlich: Genetisch bedingt sei die Reiselust seiner Tochter nicht, schließlich seien der Sohn und die Schwiegertochter beide Lehrer. „Aber unsere Tochter ist schon immer mutig gewesen und das bewundere ich.“

Vielleicht wird auch Katharina Finke zumindest ein bisschen sesshaft. Zum ersten Mal seit Jahren befindet sie sich in einem Mietverhältnis. Mit ihrem Lebensgefährten wohnt sie nun in Berlin, der Grund war in Form eines Babybäuchleins nicht zu übersehen. In zwei Monaten erwarten die beiden Nachwuchs. „Und das Kind soll in einem deutschen Krankenhaus zur Welt kommen.“ Allerdings will sie auch nach der Geburt so weiterleben wie bisher: minimalistisch und auf Reisen. Dabei beherzigt sie dann ihren eigenen Ratschlag, den sie am Ende dem Publikum mit auf den Weg gab: Bleiben Sie mutig!

pp/Agentur ProfiPress

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Klaus Schäfer

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