20. September 2017

Plädoyer für Güte in einer gnadenlosen Welt

Bei der Lit.Eifel begeisterte Theologe Eugen Drewermann 230 Zuhörer in Mechernich – Luthers Bedeutung fürs Menschsein heute

Mechernich – Bedingungslose Gnade, Güte und Versöhnungsbereitschaft statt Gesetz und Strafe – so brachte Prof. Dr. Eugen Drewermann seinen Zuhörern in Mechernich die Botschaft Jesu nahe. Und Gnade sei auch Luthers zentrales Thema gewesen.

„Haben Sie das schon einmal nach einem Vortrag erlebt, dass alle Leute den Saal mit einem Lächeln verlassen“, kommentierte eine alte Dame Drewermanns Auftritt in der Aula des Schulzentrums. Ihre Beobachtung beschrieb treffend, welche Wirkung dessen Worte auf den Großteil des Auditoriums hatten. Gleichermaßen beeindruckt zeigten sich die insgesamt rund 230 Zuhörer von Drewermanns überragenden rhetorischen Fähigkeiten.

Als bemerkenswerte Persönlichkeit und begnadeter Redner verdiente sich der streitbare Theologe und Kirchenkritiker den uneingeschränkten Respekt seines Auditoriums, das in Erwartung einer Lesung im Rahmen der Lit.Eifel erschienen war. Statt der angekündigten Lesung aus seinem neuen Buch „Luther wollte mehr“ sprach der 77-Jährige stehend fast anderthalb Stunden frei – druckreif, ohne einen einzigen Versprecher, ohne sich zu räuspern und zu stocken. Und ohne irgendwelche Anzeichen von Müdigkeit – weder bei ihm noch bei seinen Zuhörern.

Zuvor hatte Mechernichs Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick den aus einer Bergmannsfamilie stammenden Theologen und Psychoanalytiker in der ehemaligen Bergbaustadt Mechernich begrüßt und vorgestellt. 25 Jahre nach seiner Suspendierung als katholischer Priester beschäftigt sich Drewermann jetzt mit dem Reformator, ebenfalls der Sohn eines Bergarbeiters.

Mit dem Mechernicher Gymnasium Am Turmhof hatten die Lit.Eifel-Verantwortlichen dafür den passenden Ort gefunden. Denn die Veranstaltung im Rahmen des Nordeifeler Literaturfestivals war zugleich der krönende Abschluss einer Reihe von Aktionen im Themenjahr zu Luther aus Anlass des Reformationsjubiläums. Zustande gekommen war das Lit.Eifel-Gastspiel Drewermanns auf Initiative von Religionslehrer Marco Langeneck, der auch den Kontakt hergestellt und den prominenten Schriftsteller vor Ort betreut hat.

Dabei hätten sich im Vorfeld auch manche Kritiker geäußert. „Kann man das an einer Schule machen?“, sei er gefragt worden, berichtete Schulleiter Micha Kreitz. „Ja, man kann“, lautete seine Überzeugung – erst recht im Anschluss an den Vortrag. „Professor Drewermann hat uns zahlreiche Denkanstöße geliefert, die viele von uns sicher zu Hause noch weiter vertiefen werden“, sagte Kreitz bei der Verabschiedung des Redners. Es sei um zentrale Themen des Menschseins gegangen – um Gnade, Schuld, Vergebung und Vertrauen.

Den Reformator Luther würdigte er aus Sicht des Theologen ebenso wie aus der des Psychoanalytikers und machte deutlich, welche Bedeutung Luther heute in einer „gottlosen und gnadenlosen Welt“ habe, in der mit dem Attribut „sündhaft schön“ Werbung gemacht werde und der „Sünde“ allergrößte Aufmerksamkeit gebühre: nämlich die des Kapitalismuskritikers, der zu seiner Zeit gegen die Ablasspraxis gepredigt hat und die des Gottesmannes, der den Menschen statt des strafenden den liebenden Gott nahebrachte.

Auch Drewermann ist überzeugt: Nicht Strafe, sondern Gnade, Vertrauen und bedingungsloses Vergeben jeder Schuld „jenseits der Gerechtigkeit“ ist das, was die Menschen brauchen, um gut zu sein.

Am Ende seines fesselnden Vortrags nahm er sich noch Zeit, Fragen der Zuhörer zu beantworten und friedenspolitisch Stellung zum aktuellen Konflikt zwischen Trump und Nordkorea zu beziehen. Nur zum Signieren kam er zum Bedauern vieler Lit.Eifel-Gäste nicht: Dann hätte er seinen Zug von Köln nach Paderborn nicht mehr erwischt.

pp/Agentur ProfiPress

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Klaus Schäfer

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